
Herold-Center, Norderstedt
Ich muss so ungefähr fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, da lebte ich mit meinen Eltern in Norderstedt, einem kleinen Vorstadtgebiet in der Nähe von Hamburg. Wir wohnten in einer Vierzimmerwohnung eines Plattenbauhochhauses direkt über einem Einkaufszentrum. Diese Bausünde aus den frühen siebziger Jahren war für jeden normalen Menschen ein Graus, aber für ein kleines kreatives Kind das Paradies auf Erden.
Es gab unglaublich viele Spielmöglichkeiten, allesamt natürlich verboten. Man konnte durch die Einkaufspassagen schlendern, in den Geschäften die neusten Spielsachen bestaunen oder ausprobieren, auf Vordächern balancieren, Wasserbomben auf Passanten werfen, im Keller nach Moorleichen suchen oder sich stundenlang auf dem Dachboden verstecken und sich Schauergeschichten ausdenken. Eine wirklich aufregende Welt aus der Sicht eines Kindes.
Doch am meisten beeindruckt hat mich der Ausblick. Kilometerweit konnte man seinen Blick über die Skyline von Hamburg wandern lassen. Da lag es: das Tor zur Welt. Der Ruf der Freiheit. Bei diesem Panorama bot es sich förmlich an, bei uns Silvesterpartys zu schmeißen. Dies taten meine Eltern auch mit Begeisterung.
Kurz vorm Jahreswechsel, das Fest war in vollem Gange, versammelten wir uns auf dem Balkon. Nun stand eines der Highlights auf dem Programm: das Feuerwerk. Man stellte mir einen kleinen Hocker vor die Balustrade, damit ich gerade eben mit dem Kopf über die Brüstung gucken konnte und meine Mutter die Arme wieder frei hatte, damit sie wie die anderen Wunderkerzen schwenken konnte.
Die Uhr schlug Mitternacht. Die Korken flogen, Böller knallten und über der ganzen Stadt funkelten die Lichter. Mittendrin ein kleiner Junge, ganz aufgewühlt, mit großen leuchtenden Kulleraugen, den erstaunten Blick gebannt auf das Lichtspektakel gerichtet. Dieser Anblick blieb unvergessen. Der Rest des Abends auch. Als die Spannung ihren Höhepunkt erreichte, tat ich, was ich immer tat, wenn ich aufgeregt war: Ich leckte hektisch mit meiner Zunge an meiner Unterlippe – und fror so gleich mit selbiger am Balkongeländer fest.
Es ist gar nicht so einfach sich inmitten einer ausgelassenen Silvestergemeinschaft bemerkbar zu machen, wenn man sich mit Worten nicht mehr richtig artikulieren kann. Mein etwas zaghaftes “Ähhh, ähhh ähhh” wurde sofort mit einem Klaps auf den Hinterkopf belohnt. Erst nach geraumer Zeit und mit inzwischen penetrantem Geschrei konnte ich die Erwachsenen dazu bewegen, doch noch nach dem rechten zu sehen.
Das anschließende Gelächter trug nicht gerade zu meinem Wohlergehen bei. Und nur meinem Rehblick war es schließlich zu verdanken, dass sich zumindest die weiblichen Anwesenden schnell wieder fassten und einen Rettungsversuch starteten. Kurzerhand wurde ich von meiner Mutter und meiner Schwester vom Geländer frei gelutscht. Beleidigt verzog ich mich in mein Zimmer. Aber in Kürze sollte ich die Chance auf Rache bekommen!
Wohl um mich zu beruhigen oder aber um endlich wieder in Ruhe weiterfeiern zu können, gaben mir meine Eltern ein paar bunte Luftschlangen. Ich, gar nicht blöde, verkrümelte mich sofort mit meiner Beute auf die Toilette. Man glaubt gar nicht, wie gut ein Haufen aus Papierschlangen brennt, wenn man ein paar angezündete Wunderkerzen reinhält. Dummerweise entflammte auch der Teppich hervorragend und ließ sich nur sehr schwer wieder auspusten.
Wieder einmal wurde mein zaghaftes “Ähhh, ähh, ähhh” konsequent überhört. Doch glücklicherweise hatte die inzwischen einsetzende Rauchentwicklung und das immer heller flackernde Licht ihre Wirkung nicht verfehlt. Nachdem meine Eltern das Feuer erfolgreich bekämpft hatten und der erste Schock über den zerstörten Teppich verflogen war, wurde mir endlich die nötige Aufmerksamkeit zuteil und man ließ mich für den Rest des Abends nicht mehr aus den Augen.
Tags: Architektur, Kurioses, Wohnen
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