SCHÖNER WOHNEN – Redaktionsblog

Cocooning – Rückzug ins Private

Bubble Chair - Eero AarnioNestbau galt in den sechziger Jahren noch als total spießig. Man wollte unabhängig sein und mit dem Rucksack durch Asien trampen. In den Achtzigern waren die Singles auf dem Vormarsch. Kurztripps zu den Metropolen dieser Welt und vibrierende Partynächte waren in Mode. Bloß nicht in der Singlebude hocken, wo einem womöglich die Decke auf den Kopf fiel.
In den Neunzigern schwappte dann endgültig die Fitnesswelle zu uns rüber. Es ging raus in die Natur – Radfahren, Joggen und Extremsportarten standen auf dem Programm. Hauptsache, man endete nicht als Couch-Potato auf dem heimischen Sofa.

Heute setzt die Kehrtwende ein. Sozialpsychologen haben einen neuen Trend ausgemacht. Was vorher noch verpönt war, wird auf einmal zur Lebenskunst: der Rückzug ins Private.

Jetzt darf endlich wieder die Stubenhockermentalität kultiviert werden. Entspannte Abende in der eigenen Wohnung, die Pizza vom Lieferservice gebracht, sitzen wir vor unseren Heimkinos und machen es uns so richtig gemütlich. Selbst für die Partnersuche brauchen wir – dank Internet – die eigenen vier Wände nicht verlassen.

Die englische Marktforscherin Faith Popcorn gab der neuen Bewegung ihren Namen: Cocooning. Die Industrie zog mit und erkannte das Potential dieses Trends. Inzwischen werben immer mehr Wohnungseinrichter mit dem Schlagwort “Cocooning” – mit ihm lassen sich neue Käuferschichten gewinnen. Tapeten, Pflanzen und Möbel werden so kombiniert, dass sich Gefühle der Vertrautheit, Geborgenheit und Sicherheit einstellen. Gemütlichkeit, warme Farben, schützende Ecken und vieles mehr sollen in der Wohnung eine Wohlfühlwelt schaffen. Doch Cocooning ist längst mehr als nur ein Wohnkonzept. Es ist eine Lebenshaltung.

Auch ich stelle fest, dass ich auf diesen Zug aufgesprungen bin. In Zeiten der Weltwirtschaftskrise brauchen wir Momente des Rückzugs, der Entspannung, mehr Sicherheit und weniger Stress. Mir kommt das alles sehr entgegen. Ich darf mich jetzt nach Herzenslust einigeln und muss dabei nicht fürchten, als Spießer abgestempelt zu werden.

Kommentare

  1. Keine Kommentare

Hinterlassen Sie einen Kommentar

* Pflichtfelder bitte ausfüllen

(wird nicht veröffentlicht)


Sicherheitscode